Die Sprechstunden

Die Grenzen des Goldstandards in der Medizin: Ein Gespräch mit Prof. Dr. Christian Schubert

Jul 13, 2025 • 9 min read

In der Ausgabe der QS24 Sprechstunden vom 12. Juli 2025 diskutiert Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. M.Sc. Christian Schubert, ein renommierter Arzt, Psychologe und Psychoneurowissenschaftler, die Herausforderungen der modernen medizinischen Forschung und die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels hin zu einer ganzheitlichen Medizin. Mit über 30 Jahren Erfahrung in der Forschung und als Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie an der Universität Innsbruck, bringt Prof. Schubert eine einzigartige Perspektive auf die komplexen Wechselwirkungen zwischen Psyche, Körper und Umwelt ein.

Diese Sendung bietet tiefgehende Einblicke in die Problematik der sogenannten „Goldstandard“-Studien in der Medizin und zeigt auf, warum dieser Standard den Menschen in seiner ganzen Komplexität oft nicht erfasst. Zudem beantwortet Prof. Schubert zahlreiche Zuschauerfragen und gibt praxisnahe Empfehlungen für den Umgang mit Gesundheit und Krankheit.

Inhaltsverzeichnis

🧪 Was ist der Goldstandard und warum ist er problematisch?

Der medizinische Goldstandard, häufig in Form von randomized controlled trials (RCT), gilt als das Nonplusultra wissenschaftlicher Studien, um Wirksamkeit und Sicherheit von Therapien zu belegen. Prof. Schubert erklärt jedoch, warum dieses Forschungsdesign an der Realität des Menschen vorbeigeht.

Im Kern sieht ein typisches Stressexperiment so aus, dass zunächst eine Ruhebedingung geschaffen wird, um eine Baseline zu messen. Anschließend wird ein standardisierter Stressor eingesetzt, und nach einer festgelegten Zeitspanne – etwa 30 Minuten oder eine Stunde – wird erneut gemessen, beispielsweise der Kortisolspiegel, um eine Stressreaktion zu erfassen.

Das Problem dabei: Die Reaktionen im menschlichen Körper verlaufen nicht linear, sondern oft zyklisch. Das bedeutet, dass der Kortisolspiegel vor dem Stressor eventuell zuerst sinkt, bevor er ansteigt. Zudem variiert der zeitliche Verlauf der Stressreaktion individuell stark. Während Person A ihren Kortisolanstieg genau zum Messzeitpunkt zeigt, kann Person B ihre Reaktion viel schneller durchlaufen haben und somit beim Messzeitpunkt bereits wieder im Normalbereich sein. Person C wiederum reagiert langsamer, sodass die Messung vor dem eigentlichen Höhepunkt erfolgt.

Dadurch kommen Messungen zum falschen Zeitpunkt zustande und liefern unvollständige oder sogar irreführende Ergebnisse. Prof. Schubert kritisiert, dass in der Forschung selten die individuelle Dynamik oder die zeitlichen Abläufe der Reizverarbeitung berücksichtigt werden. Man misst oft nur ein bis drei Mal und glaubt, dadurch den gesamten Stressprozess abbilden zu können – eine Herangehensweise, die den komplexen menschlichen Ablauf verfehlt.

Die Forschung in Innsbruck hat gezeigt, dass Stressreaktionsprozesse zyklisch sind und sogar innerhalb desselben Individuums je nach Stressor unterschiedlich schnell ablaufen können. Das bedeutet, dass die Zeitpunkte der Messungen individuell angepasst werden müssten, um aussagekräftige Daten zu erhalten.

🩺 Die Psyche und ihre unterschätzte Rolle in der Medizin

Ein anschauliches Beispiel für die Bedeutung der Psyche in medizinischen Messungen ist die sogenannte Weißkittel-Hypertonie. Prof. Schubert berichtet, dass allein das Betreten der Arztpraxis den Blutdruck bei vielen Menschen steigen lässt, während er zu Hause normal bleibt. Dieses Phänomen ist in der Medizin zwar bekannt, doch außerhalb des Blutdrucks wird der Einfluss der Psyche auf physiologische Messwerte meist vernachlässigt.

Blutwerte oder andere Laborparameter werden häufig ohne Berücksichtigung des aktuellen psychischen Zustands des Patienten gemessen und interpretiert. Dabei kann Stress oder psychische Belastung die Resultate stark verfälschen. Prof. Schubert betont, dass die Medizin den Menschen zu sehr als Maschine sieht und dabei die biopsychosozialen Zusammenhänge außer Acht lässt.

Es wird zwar oft der Tag-Nacht-Rhythmus berücksichtigt, jedoch kaum die individuellen Lebensumstände, aktuelle Stressfaktoren oder emotionale Zustände. Das führt dazu, dass viele Messergebnisse nicht die tatsächliche Gesundheit oder den Zustand des Menschen widerspiegeln, sondern von äußeren und inneren Einflüssen verzerrt sind.

🔬 Evidenzbasierte Medizin – Fluch oder Segen?

Die evidenzbasierte Medizin (EBM) hat zweifellos viele Fortschritte in der Behandlung von Krankheiten gebracht. Dennoch kritisiert Prof. Schubert, dass die Art der Evidenz, die in der Medizin als gültig anerkannt wird, oft auf fragwürdigen Forschungsdesigns basiert.

Die sogenannten Goldstandard-Studien sind häufig zu starr und berücksichtigen nicht die Komplexität und Dynamik menschlicher Prozesse. Stattdessen werden wenige Messzeitpunkte verwendet, die individuelle Unterschiede ignorieren. Das führt zu inkonsistenten und manchmal irreführenden Ergebnissen, die nicht auf den einzelnen Patienten übertragbar sind.

Prof. Schubert fordert ein radikales Umdenken: Die Forschung müsse den Menschen als prozesshaftes, dynamisches Wesen verstehen, das seine Erfahrungen mit Bedeutung auflädt. Nur so könne die Medizin künftig besser auf die Wirklichkeit der Patienten eingehen.

🌍 Warum eine rein biologische Betrachtung des Menschen zu kurz greift

Ein weiterer zentraler Kritikpunkt von Prof. Schubert ist die Reduktion des Menschen auf biologische Prozesse ohne Berücksichtigung seiner Umwelt und sozialen Beziehungen. Jens, ein Zuschauer, fragt, was verloren gehe, wenn man den Menschen nur biologisch betrachte und Psyche sowie Beziehung außen vorlasse.

Die Antwort ist klar: Man habe es dann mit Maschinen zu tun, nicht mit Menschen. Biologische Funktionen sind immer in Wechselwirkung mit der Umwelt – seien es psychosoziale Faktoren, Wetterbedingungen oder andere Umwelteinflüsse. Ignoriert man diese, stochert man im Sand nach der Wahrheit, ohne das große Ganze zu sehen.

Die Schulmedizin fokussiere sich zu sehr auf molekulare und zelluläre Prozesse und unterschätze die immateriellen Faktoren, die das biologische Geschehen steuern. Prof. Schubert sieht hier eine der größten Herausforderungen der heutigen Medizin.

Prof. Schubert erklärt die Wechselwirkung von Biologie und Umwelt

🧑‍🔬 Perspektiven aus der Forschung: Wie sieht die Zukunft aus?

Als Wissenschaftler mit jahrzehntelanger Erfahrung sieht Prof. Schubert durchaus Chancen für eine Veränderung im System. Allerdings ist der Widerstand groß, da die wissenschaftliche Gemeinschaft oft eigene Interessen und eingefahrene Denkweisen schützt. Sein Team in Innsbruck hat in den letzten 30 Jahren ein neues Forschungsdesign entwickelt, das den Menschen individueller und dynamischer betrachtet – doch diese Arbeiten werden kaum zitiert oder anerkannt.

Der Grund: Die Mainstream-Wissenschaft hält an standardisierten, verallgemeinerbaren Studien fest und lehnt Einzelfallanalysen oft ab. Dabei sind gerade diese individuellen Daten oft die „schwarzen Schwäne“ der Wissenschaft, die neue Erkenntnisse ermöglichen könnten.

Interessant sind auch aktuelle Entwicklungen in den USA, wo staatlich geförderte Forschung nicht mehr in den großen, von der Industrie beeinflussten Fachzeitschriften veröffentlicht werden soll. Stattdessen plant man eigene, unabhängige Journale, um die Forschung wieder näher an den Menschen zu bringen.

In der Schweiz wird dieser Weg bereits mit dem Discosoverlag beschritten, der eine Genossenschaft gründete, die unabhängig von Industrieinteressen wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. Prof. Schubert selbst plant, ebenfalls ein eigenes Journal zu gründen, um Forschungsergebnisse, die am Mainstream vorbeigehen, sichtbar zu machen.

💡 Wie sieht eine Medizin aus, die den Menschen als Ganzes ernst nimmt?

Auf die Frage von Andrea, wie eine solche Medizin aussehen müsste und was sich im System ändern sollte, antwortet Prof. Schubert mit einem Appell für ein Umdenken weg vom reduktiven Materialismus, der den Menschen als Maschine betrachtet. Stattdessen müsse die Medizin die Ganzheit des Menschen anerkennen, also Körper, Psyche und soziale Einflüsse als untrennbare Einheit verstehen.

Diese Sichtweise sei ein Erbe der Aufklärung, die zwar Aberglaube und Mystik zurückgedrängt habe, dabei aber auch das Emotionale und Soziale aus der Betrachtung ausgeschlossen habe. Das müsse sich ändern, denn Gesundheit und Krankheit entstehen in einem komplexen Zusammenspiel rationaler und irrationaler Faktoren.

Prof. Schubert sieht in der Medizin der Zukunft eine integrative, ganzheitliche Herangehensweise, die den Menschen in seiner Einzigartigkeit und Dynamik ernst nimmt.

🛡️ Resilienz stärken – was kann jede*r selbst tun?

Jutta fragt, wie man seine Resilienz auf allen Ebenen stärken kann, auch wenn der Arzt vorwiegend Laborwerte betrachtet. Prof. Schubert gibt differenzierte Antworten:

  • Bei psychischen Erkrankungen sollte unbedingt professionelle psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden, idealerweise Tiefenpsychologie oder Gesprächstherapie.
  • Ist man psychisch gesund, hilft es bereits, Abstand von einer rein normierten, laborzentrierten Medizin zu nehmen und sich selbst als ganzheitliches Wesen zu sehen.
  • Eine bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen psychischen Zustand und sozialen Umfeld fördert die Widerstandskraft.

Das stärkt die Selbstheilungskräfte und ermöglicht ein gesünderes Leben trotz medizinischer Normwerte, die oft nur einen Teil der Wahrheit zeigen.

📉 Schwankungen bei Laborwerten – was steckt dahinter?

Prof. Schubert berichtet von eigenen Erfahrungen mit unterschiedlichen Messwerten bei Vitamin D3 und Omega-3 an verschiedenen Tagen. Solche Schwankungen sind häufig und können durch viele Faktoren beeinflusst werden:

  • Tageszeit und Zeitpunkt der Messung
  • Individuelle biologische Rhythmen
  • Psychischer Zustand und aktuelle Belastungen
  • Unterschiedliche Messmethoden

Die Medizin berücksichtigt diese Variabilität oft nicht ausreichend. Prof. Schubert plädiert dafür, bei Messungen stärker auf den Menschen und seine Umstände einzugehen, um realistischere und individuellere Aussagen treffen zu können.

Diskussion über Schwankungen bei Vitamin D3- und Omega-3-Werten

🤝 QS24 Sprechstunden LIVE – Ein Forum für neue medizinische Perspektiven

Prof. Schubert ist auch auf dem Freemind Medicine Kongress im September 2025 präsent, bei dem rund 1800 Teilnehmer erwartet werden. Er freut sich darauf, mit Gleichgesinnten neue Sichtweisen zu diskutieren und die integrative Medizin weiter voranzubringen.

In der QS24 Sprechstunden LIVE nimmt er sich Zeit, um Fragen der Zuschauer persönlich zu beantworten und so zu einem tieferen Verständnis von Gesundheit und Krankheit beizutragen.

Prof. Schubert bei QS24 Sprechstunden LIVE

❓ FAQ – Häufig gestellte Fragen an Prof. Dr. Christian Schubert

Warum sind placebo-kontrollierte Studien nicht ausreichend, um den Menschen in seiner Komplexität zu erfassen?

Die klassischen RCT-Studien messen nur wenige Zeitpunkte und ignorieren die individuelle Dynamik von Stressreaktionen und anderen biologischen Prozessen. Dadurch werden wichtige individuelle Unterschiede übersehen, was zu unvollständigen oder irreführenden Ergebnissen führt.

Was passiert, wenn man den Menschen nur biologisch betrachtet und Psyche sowie soziale Beziehungen außen vorlässt?

Man reduziert den Menschen auf eine Maschine und übersieht die Umweltfaktoren, die biologische Funktionen maßgeblich beeinflussen. Ohne Berücksichtigung des sozialen und psychischen Umfelds bleibt das medizinische Bild verzerrt und unvollständig.

Wie sollte eine Medizin aussehen, die den Menschen als Ganzes ernst nimmt?

Sie muss Körper, Psyche und soziale Faktoren als untrennbare Einheit sehen und die immateriellen Einflüsse auf Gesundheit anerkennen. Das erfordert einen Paradigmenwechsel weg vom reduktiven Materialismus hin zu einer integrativen, ganzheitlichen Sichtweise.

Was kann ich selbst tun, um meine Resilienz zu stärken, wenn mein Arzt mich vorwiegend anhand von Laborwerten beurteilt?

Bei psychischen Belastungen sollte professionelle psychotherapeutische Unterstützung gesucht werden. Ansonsten hilft es, Abstand von einer rein normierten Medizin zu nehmen und sich selbst als ganzheitliches Wesen wahrzunehmen, das mehr als nur Laborwerte ist.

Warum werden die Forschungsergebnisse von Prof. Schubert und seinem Team kaum zitiert?

Weil sie das Dogma des Goldstandards herausfordern und individuelle, prozesshafte Ansätze verfolgen, die sich nicht leicht verallgemeinern lassen. Der Mainstream bevorzugt standardisierte Studien und ignoriert oft innovative, aber komplexe Erkenntnisse.

Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen in den USA bezüglich der Veröffentlichung von staatlich geförderter Forschung?

Diese Entwicklung ist ein Schritt in die richtige Richtung, um sich von der Industriekorruption großer Fachzeitschriften zu lösen und unabhängige, menschzentrierte Forschung zu fördern.

Wie erklärt sich die starke Schwankung bei Laborwerten wie Vitamin D3 oder Omega-3?

Diese Schwankungen sind normal und entstehen durch biologische Rhythmen, psychische Zustände, Messzeitpunkte und unterschiedliche Messmethoden. Die individuelle Situation des Patienten muss bei der Interpretation berücksichtigt werden.

📢 Abschließende Hinweise und Einladung zur Weiterbildung

Diese wertvolle Aufzeichnung der QS24 Sprechstunden vom 12. Juli 2025 mit Prof. Dr. Christian Schubert steht Ihnen kostenlos zur Verfügung. Nutzen Sie die Gelegenheit, um tief in die Thematik der integrativen Medizin einzutauchen.

Ab nächster Woche bietet QS24 zudem einen eigenen Academy-Lehrgang zu dieser Sendung an, bei dem Sie das Wissen vertiefen und ein Zertifikat erwerben können – ein wertvoller Schritt für alle, die sich beruflich oder persönlich mit einem ganzheitlichen Gesundheitsverständnis weiterentwickeln möchten.

Sehen Sie die Sendung hier: QS24 Sprechstunden vom 12. Juli 2025

Und verpassen Sie nicht die Anmeldung für die nächste QS24 Sprechstunden LIVE, die am 31. Januar 2026 stattfinden wird: Jetzt kostenfrei anmelden

🙏 Dank an Prof. Dr. Christian Schubert

Ein herzlicher Dank gilt Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. M.Sc. Christian Schubert für seine offene, fundierte und inspirierende Teilnahme an den QS24 Sprechstunden. Seine klaren Worte und seine Leidenschaft für eine Medizin, die den Menschen in seiner Ganzheit ernst nimmt, sind ein wertvoller Beitrag für die Gesundheitsversorgung von morgen.

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📋 Fragen aus der Sendung – Klar beantwortet von Prof. Dr. Christian Schubert

  1. Stefan: Warum sind placebo-kontrollierte Studien der medizinische Goldstandard Ihrer Ansicht nach nicht ausreichend, um den Menschen in seiner Komplexität zu erfassen?
    Antwort: Die RCT-Studien messen nur wenige Zeitpunkte und ignorieren die individuelle Dynamik menschlicher Prozesse. Dadurch wird die Komplexität des Menschen nicht abgebildet.
  2. Jens: Was geht verloren, wenn wir den Menschen nur biologisch betrachten und seine Psyche sowie Beziehungen in der Therapie außen vorlassen?
    Antwort: Ohne Berücksichtigung von Psyche und Umwelt wird der Mensch auf eine Maschine reduziert, was das medizinische Bild verzerrt und unvollständig macht.
  3. Andrea: Wie sieht Ihre Medizin aus, die den Menschen als Ganzes ernst nimmt? Was müsste sich dafür im System grundlegend ändern?
    Antwort: Ein Paradigmenwechsel hin zu einem integrativen Ansatz, der Körper, Psyche und soziale Faktoren als Einheit betrachtet, ist notwendig.
  4. Jutta: Was kann ich selbst tun, um meine Resilienz auf allen Ebenen zu stärken – auch wenn mein Arzt mich primär anhand von Laborwerten beurteilt?
    Antwort: Psychotherapeutische Unterstützung bei Belastungen und die Suche nach Medizinern, die den Menschen ganzheitlich sehen, sind wichtige Schritte.
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