Die Sprechstunden

Gesundheit als Beziehung – Therapeutische Kommunikation mit Prof. Dr. Hartmut Schröder

Jul 16, 2025 • 8 min read

In der Sprechstunde vom 12. Juli 2025 auf QS24 – Schweizer Gesundheitsfernsehen, widmete sich Professor Dr. Hartmut Schröder einem zentralen Thema: der Bedeutung von Kommunikation, Kultur und sozialen Beziehungen für Gesundheit und Heilung. Als renommierter Sprachwissenschaftler und Experte für therapeutische Kommunikation erläuterte Prof. Schröder eindrucksvoll, warum der Mensch viel mehr als nur ein biologisches Wesen ist und weshalb die Medizin dringend eine soziale und kulturelle Dimension integrieren muss.

Diese umfassende Aufzeichnung der Sprechstunde ist kostenlos auf QS24 abrufbar. Zudem startet ab nächster Woche ein spezieller Academy-Lehrgang zu diesem Thema auf QS24.Academy, bei dem Interessierte das Wissen vertiefen und ein Zertifikat erwerben können.

Prof. Dr. Hartmut Schröder im Gespräch bei QS24 Sprechstunde

Inhaltsverzeichnis

🌱 Der Mensch als Beziehungswesen – Warum soziale Medizin unverzichtbar ist

Prof. Dr. Hartmut Schröder beginnt mit einer fundamentalen Einsicht: Der Mensch ist ein Beziehungswesen, das heißt, er lebt und gedeiht nur in Gemeinschaft und durch Kooperation. Diese Tatsache ist nicht nur philosophisch oder psychologisch zu verstehen, sondern hat direkte Auswirkungen auf die Gesundheit.

„Allein können wir nicht existieren“, betont Schröder, „und ebenso wenig können wir alleine gesund werden oder krank sein.“ Die Natur hat den Menschen nicht mit besonderen körperlichen Attributen ausgestattet wie Stärke oder Schnelligkeit, doch seine Fähigkeit zur Kooperation und Gemeinschaft hat ihm eine einzigartige Stellung in der Biosphäre verschafft.

Soziale Beziehungen sind nicht nur eine nette Ergänzung, sondern eine biologische Notwendigkeit für psychisches und körperliches Wohlbefinden. Das zeigte sich besonders während der Corona-Pandemie, als viele Menschen unter Einsamkeit litten und dadurch anfälliger für Krankheiten wurden. Die Politik hat dieses Problem inzwischen erkannt und spricht von einer „Epidemie der Einsamkeit“.

Diese Erkenntnis fordert eine neue soziale Medizin, die das Soziale als integralen Bestandteil von Gesundheit anerkennt. Heilung entsteht nicht nur durch biologische Interventionen, sondern auch durch soziale Umgebungen, die Gemeinschaft und Zuwendung fördern.

Prof. Schröder erläutert den Placebo- und Valeboeffekt

Placebo, Notsebo und Valeboeffekt – Die Macht der Sprache in der Heilung

Ein besonders spannender Aspekt ist die therapeutische Kommunikation, die Schröder als „Kommunikation, die selbst zum Therapeutikum wird“ beschreibt. Hier wird die Kraft der Sprache genutzt, um Heilungsprozesse aktiv zu unterstützen.

Prof. Schröder verweist auf die Forschungsergebnisse, die zeigen, dass der Placeboeffekt – also die positive Wirkung einer scheinbaren Behandlung – auch dann wirkt, wenn der Patient weiß, dass er ein Placebo erhält („offener Placebo“). Er nennt diesen Effekt lieber den „Valeboeffekt“, da es sich um einen Selbstwirksamkeitseffekt handelt: Der Patient trägt durch seine eigene innere Haltung zur Gesundung bei.

Diese Erkenntnis unterstreicht die Bedeutung des Arzt-Patienten-Gesprächs, das früher selbstverständlich war, heute aber oft auf wenige Minuten reduziert wird. Die „Sieben-Minuten-Medizin“ lässt kaum Raum für Zuwendung und beruhigende Gespräche, obwohl genau dies für den Heilungsprozess essenziell ist.

Historisch gesehen war die Anwesenheit des Arztes oft schon heilend. So beschreibt Theodor Fontane, wie allein das Betreten des Krankenzimmers durch den Arzt den Zustand des Patienten stabilisieren konnte. Der Medizinethiker Giovanni Maio bringt es auf den Punkt: „Ohne Zuwendung ist alles nichts.“

🗣 Sprache, Kultur und gemeinsames Erleben – Schlüssel zur seelischen und körperlichen Gesundheit

Sprache und gemeinsames Erleben sind laut Prof. Schröder zentrale Säulen für unsere psychische und physische Gesundheit. Gerade die zunehmende Einsamkeit, die heute auch viele junge Menschen betrifft, führt zu einem erhöhten Krankheitsrisiko und einer verkürzten Lebenszeit.

Das Phänomen der Resonanz – das Gefühl, gefühlt zu werden – ist essenziell für menschliches Wohlbefinden. Diese Resonanz kann durch Berührung, aber vor allem auch durch Sprache und nonverbale Kommunikation entstehen. Sie schafft Verbindung, die für Heilung unabdingbar ist.

Prof. Schröder kritisiert, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft isoliert leben, etwa alte Menschen in Pflegeheimen oder Kinder, die früh in Kitas „abgeschoben“ werden und dadurch kaum Teilhabe am sozialen Leben haben. Solche Lebensumstände sind nicht nur traurig, sondern auch gesundheitlich bedenklich.

Prof. Schröder spricht über Einsamkeit und Resonanz

Ein eindrückliches Beispiel liefert der Psychologe Christian Schubert: Zwei verliebte Menschen, die eine Woche im Regen stehen, werden nicht krank – im Gegensatz zu isolierten Menschen. Gemeinschaft und Nähe können Leid teilen und dadurch erträglicher machen.

🎭 Kultur als Heilmittel – Was passiert, wenn kulturelle Teilhabe verarmt?

Die Frage, was mit der Gesellschaft passiert, wenn Kultur verarmt oder verdrängt wird, beantwortet Prof. Schröder mit einem klaren Appell: Kultur stärkt das Immunsystem, schafft Freude, Gemeinschaft und entschleunigt den Alltag. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie gravierend der Verlust gemeinsamer kultureller Erlebnisse für die Gesundheit war.

Gemeinsames Singen, Musizieren und kulturelles Erleben sind nachweislich immunstärkend. Studien belegen, dass schon wenige kulturelle Teilnahmen pro Jahr die Sterblichkeit um bis zu 35 % senken können. Kultur ist also kein Luxus, sondern ein lebenswichtiges Gesundheitsmittel.

Digitale Alternativen können Live-Erlebnisse nicht vollständig ersetzen. Die Politik hat in der Pandemie oft Kulturveranstaltungen verboten, was viele Künstler in prekäre Situationen brachte und vor allem Kinder und Jugendliche stark belastete.

Prof. Schröder erklärt die Bedeutung gemeinsamer Kultur

Die Muße als kultureller Faktor

Ein wichtiger Aspekt der Kultur ist die Muße – das bewusste, entschleunigte Erleben, das sich nicht mit „Fast Culture“ vergleichen lässt. Kultur braucht Zeit und Raum, um wirken zu können. Schnelle, oberflächliche Konsumation ist ihr fremd.

🏡 Kultur im Alltag – Wie wir die heilende Kraft ohne Museum oder Konzertsaal spüren

Prof. Schröder macht deutlich, dass Kultur nicht nur Hochkultur ist, sondern in jedem Alltag lebendig wird. Gemeinsames Singen zu Hause, traditionelle Feste, achtsames Essen und der respektvolle Umgang miteinander sind Beispiele für gelebte Kultur.

Der Begriff Kultur stammt vom lateinischen „colere“ – bearbeiten, pflegen, veredeln – und beschreibt den Prozess, durch den Menschen ihre Umwelt und sich selbst gestalten. Kultur ist also auch Selbstkultivierung: wie wir essen, denken, fühlen, uns bewegen und miteinander umgehen.

Alltagsrituale wie Begrüßungen, Berührungen oder die Art, wie wir uns kleiden, sind ebenfalls kulturelle Ausdrucksformen. Gleichzeitig warnt Schröder vor einer „Fastfood-Kultur“ in diesem Bereich, die eher schadet als nützt. Slow Food als bewusste, achtsame Lebensweise ist hingegen ein Ausdruck gesunder Kultur.

Prof. Schröder beschreibt Kultur als Alltagsphänomen

👩‍⚕️ Was Ärzte und Therapeuten von der Kulturwissenschaft lernen können

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Bedeutung von Kultur in der medizinischen Begleitung. Ärzte, Therapeuten und Heilpraktiker sollten anerkennen, dass Kultur unser Leben und damit auch die Heilung prägt.

Dies betrifft nicht nur das Gespräch mit Patienten, sondern auch die Gestaltung von Praxisräumen, Kliniken und Apotheken. Farben, Pflanzen, Bilder und eine gesundheitsfördernde Architektur sind Teil einer ganzheitlichen Kultur, die Heilung unterstützt.

Auch die Landschaftsplanung und das gesellschaftliche Miteinander spielen eine Rolle. Prof. Schröder plädiert dafür, so natürlich wie möglich zu leben, so kulturvoll wie möglich, aber mit nur so viel Technik wie nötig. Dieses Motto fördert Gesundheit und Resilienz.

Prof. Schröder spricht über ganzheitliche Medizin und Kultur

⚠️ Kritik am aktuellen Gesundheitssystem und Ausblick

Prof. Schröder übt deutliche Kritik an der heutigen „Maschinenmedizin“, die Psyche, Seele und soziale Zusammenhänge weitgehend ignoriert. Das Gesundheitssystem sei zu sehr auf Profit ausgerichtet, was zu einer Entmenschlichung und Versorgungskrise führt.

Er warnt vor einem „Crash“ des Systems, wenn Politik und Gesellschaft nicht gegensteuern. Die „Gesundheitswirtschaft“ sei ein Teil des Wirtschaftssystems und definiere sich über Gewinn statt über den Menschen.

Als Gegenentwurf plädiert Schröder für ein Gesundheitssystem außerhalb der Geldwirtschaft, das wieder als Kurwesen verstanden wird – ein System, das auf Gemeinschaft, Fürsorge und gegenseitiger Unterstützung basiert.

Eigenverantwortung ist dabei zentral: Gesundheit muss „Chefsache“ werden, angefangen bei Körper-, Psycho- und Seelenhygiene. Nur so können Menschen resilient und wirklich gesund bleiben.

❓ FAQ – Antworten von Prof. Dr. Hartmut Schröder auf Zuschauerfragen

Frage 1: Früher gab es Hausärzte, die Familien lange begleiteten und Zeit für Gespräche hatten. Heute sind nur noch wenige Minuten für den Patienten vorgesehen. Ist das eine Sackgasse?

Ja, das ist eine Sackgasse. Die Zeit für Zuwendung und individuelle Fürsorge ist entscheidend für Heilung. Schon die Anwesenheit des Arztes kann heilend wirken. Heute wird das vernachlässigt, was die Behandlung erschwert.

Frage 2: Warum dominiert heute der Profitgedanke in der Medizin und das Soziale wird ausgeblendet?

Das Gesundheitssystem ist Teil der Wirtschaftslogik geworden. Die Gesundheitswirtschaft fokussiert auf Gewinn, nicht auf den Menschen. Das führt zu Versorgungsproblemen, wenn die Politik nicht eingreift.

Frage 3: Haben Menschen heute eine Flatrate-Mentalität und wollen nur schnelle Lösungen wie Pillen?

Ja, viele delegieren ihre Gesundheit an Ärzte und das System. Nachhaltige Gesundheit erfordert aber Eigenverantwortung – von Körper- bis Seelenhygiene. Nur so bleibt man gesund und resilient.

Frage 4: Warum wird der Wert von Zuwendung und kulturellen Aktivitäten in der Medizin nicht ausreichend anerkannt?

Weil diese Faktoren schwer quantifizierbar und nicht abrechenbar sind. Das profitorientierte System fördert sie kaum, obwohl wissenschaftliche Studien ihre Wirksamkeit belegen.

Frage 5: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Bildung, Kultur und Gesundheit?

Absolut. Bildung, kulturelle Teilhabe und Gesundheit hängen eng zusammen. Gebildete Menschen haben bessere Gesundheitschancen. Kultur fördert Lebensqualität. Diese Bereiche sollten ganzheitlich und unabhängig von wirtschaftlichen Interessen gefördert werden.

Frage 6: Gibt es historische Beispiele, wie Kultur und Medizin zusammenwirken?

Ja, z.B. war Musiktherapie in altorientalischen Kliniken Standard. In Persien gab es „Musikapotheken“ mit gezielten musikalischen Interventionen für verschiedene Krankheiten. Kultur und Heilung waren schon immer eng verbunden.

Frage 7: Wer trägt Verantwortung für die Förderung von Kultur – Staat, Gesellschaft oder Einzelne?

Der Staat muss Kultur als elementares Gut schützen und fördern, nicht nur profitorientiert behandeln. Gesellschaft und Einzelne sollten für kulturelle Teilhabe sensibilisiert werden, damit Kultur allen zugänglich bleibt.

📢 Ausblick und Einladung zur Teilnahme

Diese tiefgründige und aufschlussreiche Sendung mit Prof. Dr. Hartmut Schröder zeigt eindrucksvoll, wie wichtig therapeutische Kommunikation, soziale Beziehungen und Kultur für unsere Gesundheit sind. Sie erinnert daran, dass Heilung nicht nur im Körper, sondern vor allem im Miteinander und im Gespräch beginnt.

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📋 Fragen im Anhang – zum Nachlesen und Vertiefen

  • Dagmar: Was meinen Sie mit der Aussage, der Mensch ist ein Beziehungswesen? Und weshalb ist es wichtig, ihn über die rein biologische oder medizinische Sicht hinaus zu verstehen?
  • Eva L.: Welche Rolle spielt Sprache, Kultur und gemeinsames Erleben für unsere seelische und körperliche Gesundheit?
  • Stefan K.: Was passiert mit uns als Gesellschaft, wenn Kultur, also Musik, Kunst, Austausch verarmt oder verdrängt wird?
  • Marlis P.: Wie können wir im Alltag die heilende Kraft der Kultur spüren, auch ohne Museum oder Konzertsaal?
  • Stephanie L.: Was können Ärzte und Therapeuten von der Kulturwissenschaft lernen, wenn sie Menschen wirklich ganzheitlich begleiten wollen?
  • Alexander Glogg: Gibt es Beispiele aus der Geschichte und anderen Ländern, die zeigen, wie Kultur und Medizin zusammenwirken können?
  • Alexander Glogg: Wie kann das Gesundheitssystem entlastet werden, wenn Menschen ihre Gesundheit zur Chefsache machen?
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